Pflegekinderrecht-Blog

„Neulich bei den Pflegeeltern”

Rechtsanwalt Matthias Westerholt aus Bremen informiert

Leon (Name geändert) wurde im Alter von drei Monaten in einem Hausflur gefunden. Die Mutter war um die Häuser gezogen, der Vater hatte in der Zwischenzeit die Wohnung verwüstet. Eine Nachbarin rettete das Kind, legte es im Hausflur ab – und legte sich wieder hin. Einige Zeit später kam Leon dann endlich zu Pflegeeltern. Da, wo er nach Meinung des Jugendamtes schon von Anfang an hingehört hätte. Denn schließlich hatte die drogenabhängige Mutter während der Schwangerschaft 3x versucht, sich das Leben zu nehmen, hat geraucht und getrunken und hat schon drei Kinder gegen ihren Willen verloren. Aber die Ärzte wollten ihr noch eine Chance geben. Jetzt geht es Leon gut. Ein fröhliches Kerlchen. Die Mutter hat sich nie wieder gemeldet. Nur der Vater. Der wollte Kontakt.Warum nicht – sagt das Jugendamt. Er sei sehr zurückhaltend, habe eine neue Freundin und seine neue „Schwiegermutter“ kümmere sich um ihn. Das Begehren konnte zum Glück abgeweht werden. Alles war gut. Dann beantragten die Pflegeeltern die Vormundschaft für Leon. Und bekamen sie auch. Ziemlich bald und ohne große Probleme. Kaum war die „Bestallungsurkunde“ ausgehändigt, bekamen die Pflegeeltern und neuen Vormünder Post: Die Akte Leon. Alles, was vorher aus Datenschutzgründen, Mutterschutz oder sonst noch für Gründen unmöglich war, ging plötzlich völlig problemlos. Alle Akten standen den Vormündern offen. Und sie erfuhren erstaunliche Dinge. Der Vater war richtig gefährlich. Seine Einträge im Bundeszentralregister waren fünf Seiten lang. Körperverletzung rauf und runter. Die Mutter hatte sogar fünf Selbstmordversuche während der Schwangerschaft gemacht. Einen mit Zahnschmerztabletten. Der Vater hatte Asthma. Die anderen drei Kinder waren wegen akuter Lebensgefahr weggenommen worden. Alles Dinge, die man als Pflegeeltern doch ganz gerne von Anfang an gewusst hätte. Wahrscheinlich wusste das Jugendamt auch nicht alles. Umso schlimmer. Eine Vollzeitpflege kann nur gelingen, wenn alle Fakten über das Kind auf den Tisch kommen. Datenschutz hin oder her. Darum sind jetzt die Pflegeltern begeisterte Vormünder. Die Königsdisziplin der rechtlichen Vertretungsmöglichkeit für ein Pflegekind. Und sie fordern alle Pflegeeltern auf, die Vormundschaft für ihr Pflegekind zu beantragen. Damit sie endlich erfahren, was wirklich mit ihrem Kind los ist.

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